Kink Positive Party "Ein Fetisch ist nichts, wofür man sich schämen muss"

Am 13. September 2019 fand zum 2. Mal die vom Verein „Pretty Please“ ins Leben gerufene Kink Positive Party im Viper Room statt.

 

WAS IST DAS?
„Pretty Please ist ein Verein, gegründet von ein paar jungen Leuten, die mit dem Status-Quo der BDSM Szene in Wien nicht zufrieden waren. Zu wenig Party, zu viele Klischees, zu wenige Angebote speziell für junge und jung Gebliebene. Ursprünglich als reiner Stammtisch gedacht, wurde daraus in den letzten Jahren ein größeres Projekt, um eine Plattform zu schaffen, die sowohl erfahrenen, aber auch unerfahrenen Leuten mit den unterschiedlichsten Fetischen, die Möglichkeit bietet, sich zu vernetzen, zu feiern und sich mit Gleichgesinnten auszuleben“, so heißt es auf ihrer Website
www.prettyplease.at.

 

Als mir zwei Monate zuvor auf einer Geburtstagsparty von der Mitveranstalterin Mira ein Flyer in die Hand gedrückt wurde, musste ich sofort an die Sex Positive Party denken, die ich bereits im April besucht hatte. Ich wurde sofort aufmerksam. Anhand der dort gemachten Erfahrungen, hatte ich eine mögliche Vorstellung im Kopf, wie diese Party ablaufen könnte, obwohl die Beschreibung „Wir wollen weg von diesen Klischees, dass BDSM und Fetisch nur in Lack und Leder im Geheimen ausgelebt werden darf. Ein Fetisch ist nichts, wofür man sich schämen muss und wir setzen uns daher für einen offeneren Umgang und gegen die Tabuisierung der Thematik ein“, doch ein anderes Grundkonzept versprach.

 

LOS GEHT’S! AB INS FESSELUNGSWOHNZIMMER
Meine Neugierde war entflammt. „Da muss ich hin“, dachte ich mir wieder einmal. Ich reservierte mir eine Karte vorab online, denn nur so hatte man die Chance, Einlass zur Kink Party zu bekommen. Barzahlung vor Ort. Als ich um circa 22:30 auf der Landstraßer Hauptstraße 38 stand und mich schon vor einer möglichen Schlange fürchtete, war ich extrem erleichtert, als dem nicht so war. Ich erblickte zwei massive von Kopf bis wahrscheinlich Fuß tätowierte Türsteher, die mich freundlicherweise sogar mit meiner Mci Cola hineinließen, nachdem sie einen Blick auf meine Bestätigungsmail geworfen haben.

 

Ein Ticket kostete 15 Euro. Anschließend wurde sofort meine Handykamera abgeklebt, ein Prozedere, welches ich bereits von der Sex Positive Party kannte. Nachdem ich mir noch ein Tombola Los gezogen hatte, ging ich auf die Toilette, um mich zu entkleiden. Beim Betreten des WC’s sah ich eine Frau, die sich gerade in ihr Lack und Leder Kostüm hineinwand. Zwei Männer halfen ihr in die mächtigen Plateauschuhe. Es hat mir gut gefallen, dass es kein Gedränge gab. Weder beim Einlass, noch im Kassabereich. Selbst auf der Toilette hatte man genug Platz. Als ich mich mit Mira unterhielt, meinte sie, dass sie extra darauf geachtet haben, dass nicht zu viele Menschen hineingelassen werden, um eine angenehme und stressfreie Atmosphäre zu sichern. Gute Idee. Es gab außerdem eine „Mentoring-Crew“, an die man sich bei Fragen jederzeit wenden konnte bzw. die auch ein Auge darauf warfen, dass sich niemand bei der Party ausgeschlossen fühlt.

 

Die Garderobe befindet sich im Erdgeschoss, am anderen Ende der Tanzfläche. Beim Runtergehen der Stiegen nahm ich zum ersten Mal das Ambiente wahr, die Leute und die Angebote. Links und rechts befanden sich Darkrooms, die mit Matratzen ausgestattet waren und mit einem Vorhang geschlossen werden konnten. Ging man die Stufen hinunter, hatte man jedoch die Möglichkeit, einen Blick zu erhaschen. Außerdem sah ich einen etwas rustikalen Stuhl, in der Fachsprache „Hochlehner“ mit Halterung für einen Powervibrator, der aber solange ich auf der Party war, zwar neugierige Blicke erntete, aber nicht weiters in Betrieb genommen wurde. Am Weg zur Garderobe erblicke ich auf der Bühne eine Art „Fesselungswohnzimmer“, das mit Couch, Käfig und BDSM-Möbeln von X-Factory ausgestattet war. Genauer gesagt mit einer Basis Base, einem Wood and Steel Tower und einem Bock, wobei die ersten zwei Teile kombiniert wurden. Nachdem ich mir ein Getränk gekauft habe, setzte ich mich auf die Sitzmöglichkeit neben der Tanzfläche und beobachtete das Geschehen. Viel war noch nicht los, dafür war es trotzdem eine bunte Mischung. Ich schätzte die Leute zwischen 25 und 35 Jahre, wobei die meisten Mitte 30 waren. Ich erblickte viele Paare. Mich überraschte, dass viele Gäste relativ viel Kleidung anhatten. Das verunsicherte mich sogar im ersten Moment, weil manche in schlichter Kleidung da waren. Aber die Grundakzeptanz war trotzdem zu spüren und deshalb war es auch in Ordnung. Außerdem durfte jeder so kommen, wie er oder sie sich wohlfühlte. Einige legten sich wirklich ins Zeug mit ihren Kostümen, so blieb mir ein „Gothic Baron/Gräfin“ Paar sehr gut in Erinnerung.

 

Es gab im oberen Stock einen Raucherbereich, in den ich auch schaute. Gleich beim Eingang stolperte ich fast über eine Frau, die am Boden zwischen zwei Männern kniete. Beim 1. Mal Hinschauen sah es so aus, als wäre sie deren Hund, aber nach einiger Zeit kam sie mir einfach nur extrem unterwürfig vor, die um die Aufmerksamkeit ihrer Begleiter bettelte. Je mehr sie ignoriert wurde, desto besser gefiel es ihr scheinbar. Das war ihre Art von Spiel. Abgesehen davon, standen oder saßen Gruppen zusammen, unterhielten sich und lachten. Es kam mir vor, als wäre ich in einer stinknormalen Bar (abgesehen von einigen auffälligen Kostümen und dem 3er Gespann) und das fand ich sehr witzig.

 

DIVERSITÄT ZU FINDEN AN JEDER ECKE
Ich begab mich wieder auf die Tanzfläche und bemerkte neben dem „Fesselungswohnzimmer“ auch eine Basis Base gleich neben der Bar. Immer noch blieben all diese Dinge unberührt. Auf der Tanzfläche hingegen ging es langsam ab. So hüpfte ein Paar in Schuluniform herum, ein „Met‘ler“, der sich komplett in seiner Welt verlor und wie wild headbangte, ein anderes Paar in Lackjumpsuits, Paare, wo einer der beiden an die Leine genommen wurde, aber auch eine Gruppe, die „normal klassisch“ angezogen war und wo man auf den 1. Blick dachte, sie hätten die Veranstaltung mit dem Volksgarten verwechselt. Aber es war erlaubt und genau diese Diversität ergab ein schräges Gesamtbild.

 

Mir fielen auch andere Leute auf, die scheinbar alleine gekommen waren, aber diese konnte man an beiden Händen abzählen. Die Stimmung war zu dem Zeitpunkt teilweise verhalten/ruhig, teilweise ausgelassen/bewegt. Ich überhörte ein Gespräch einer Gruppe, wo ein ziemlich stämmiger Typ, den man auf der Straße wohl als „waschechten“ Mann bezeichnen würde, ein Bild von sich, wie er sich als Frau verkleidet, stolz seinen Bekannten präsentierte, die sehr offen waren und ihm Anerkennung entgegenbrachten. Ich war nicht wirklich überrascht, da mir diese Art der Identitätsauslebung geläufig ist, aber trotzdem erstaunt, es „live“ und in einem authentischen Rahmen mitzuerleben.

 

Einige Rückzugsmöglichkeiten waren bereits besetzt, mal waren mehrere gleichzeitig drinnen, mal nur zu zweit. Alles lief sehr gesittet ab, zu keinem Zeitpunkt gab es ein „animalisches übereinander Herfallen“. Ich bestellte mir ein weiteres Getränk und blieb diesmal an der Bar sitzen. Gegenüber an der Decke gab es zwei Leinwände, wo Ausschnitte/Musikvideos/Kunstprojekte zum Thema Sexualität gezeigt wurden. Ich schaute mir die eine Zeit lang an.

 

UNTERSCHIEDE KINK POSITIVE UND SEX POSITIV
Das ganze Event war definitiv familiärer und wesentlich überschaubarer als die Sex Positive Party, wo meines Erachtens auch mehr Studenten und moderne Hippies vertreten waren, bzw. mehr nackte Haut gezeigt wurde. Bei Kink Positive spürte man Reife und allgemeine Lebenserfahrung. „Es ist ähnlich, aber anders“, wie es mir auch Mira vorab beschrieb.

 

Ein weiterer Unterschied zwischen Kink Positive und Sex Positive war, dass bei Ersterem mehr Alltagsgeschichten erzählt wurden und mehr Deepness zu spüren war, während bei Sex Positive das Tanzen, sich Präsentieren und Oberflächlichkeiten im Vordergrund standen. Beide Veranstaltungen haben ihren gewissen Reiz.

 

DIE PEITSCHE ALS EROTISCHES SPIEL
Während ich vor mich hin sinnierte, bemerkte ich, dass das Wohnzimmer in Betrieb genommen wurde. Während es sich zwei auf der Couch gemütlich gemacht haben, lehnte eine Frau auf der besagten Vorrichtung, mit dem Rücken zu ihrem Partner, der sie peitschte. Die Verwendung des Wortes „peitschen“ ist mir in dem Zusammenhang fast schon zu hart, da es etwas sehr Erotisches und nichts Aggressives hatte. Man hat viel Vertrauen gespürt, die Ausführungen der Peitsche wirkten fast sanft und man hatte nicht den Eindruck, dass er ihr Schmerzen zufügte. Zwischendurch unterbrach er das Spiel, küsste sie und sprach mit ihr. Ich war sehr gebannt. Ich muss selbst zugeben, dass sich diesbezüglich viele Klischees in meinen Kopf gebrannt haben. Umso wichtiger ist es, darüber zu berichten.

 

Dann wurde das Spektakel unterbrochen, die Musik abgedreht, denn die Tombola Verlosung stand an. Leider habe ich nichts gewonnen. Nun bemerkte ich bei der zweiten Fesselungsvorrichtung neben der Bar ebenfalls ein Paar. Ein Mann fesselte seine Partnerin am ganzen Körper. Er tat dies ebenfalls behutsam, nahm sich viel Zeit und sprach sich regelmäßig mit ihr ab. Ich biss mir auf die Lippe und überlegte, welch starkes Vertrauen die zwei füreinander haben müssen. Auch hier spürte ich weder Übergriffigkeit noch Kontrollverlust.

 

Auf der Bühne hingegen griff der Mann zu einer Art Leuchtpeitsche. Das war visuell sehr schön. Ich war verwundert, überrascht und begeistert, wie respektvoll so etwas ausgelebt werden kann.

 

FAZIT?
Unter der Tanzmeute gab es hie und da Geschmuse, sich rekelnde Menschen und Oralstimulierung.  Aber trotz alldem blieb die Grundstimmung und das Verhalten sehr zivilisiert. Es war ein gemeinsames Zelebrieren und Experimentieren verschiedenster Fetische.

 

Die Nachfrage ist da und sie ist sehr groß. So eine Art Veranstaltung ist sehr zu empfehlen, um etwas Neues auszuprobieren. Tabus sollte man brechen. Man muss keine Angst haben und man zeigt sich dort so, wie man will. Die Leute sind freundlich und offen. Es besteht keine Gefahr, dass man zu irgendetwas gezwungen wird. Man macht nur das, womit man sich wohlfühlt. Und im schlimmsten Fall, wenn einem die Party nicht zusagt, kann man auch nach Hause gehen.

 

„Die nächste Party ist bereits in Planung! Stay tuned, stay kinky!“, so heißt es auf der Website.

 

Deine Babsi