Eckhart Tolle "Jetzt oder Nie Tour 2019"

Wer?

Am 12.10.2019 war es endlich soweit. Eckhart Tolle hielt zum ersten Mal einen Vortrag in Österreich, genauer gesagt in der Salzburgarena. Der aus Deutschland stammende spirituelle Lehrer erlebte mit 29 Jahren laut eigenen Angaben ein radikales spirituelles Erwachen. In seinem Buch „Jetzt! Die Kraft der Gegenwart“ schreibt er: „Bis zu meinem 30. Lebensjahr lebte ich in einem Zustand fast ununterbrochener Angstgefühle, unterbrochen von Phasen lebensmüder Depression. Jetzt fühlt es sich so an, als spräche ich über ein vergangenes Leben oder über das Leben eines anderen.“ Heute lebt er mit seiner Ehefrau in Vancouver.

 

Eine Bitte vorweg: Für alle, die mit dem Wort Spiritualität nichts anfangen können, ja, die es vielleicht sogar abschreckt, lasst euch davon nicht beirren und lest einfach weiter. Ersetzt es mit dem Wort Lebenshilfe und bleibt offen dafür. Die einfachen Lehren von Tolle kann man problemlos im Alltag anwenden und sie verhelfen zu einem freudvolleren Leben (inklusive kraftvoller Übung!).

 

Der Vortrag beginnt

Der Veranstalter, gleichzeitig Verleger und Fahrer von Tolle moderiert ihn auf der Bühne mit folgender Rede an: „Eckhart Tolle ist ein Phänomen. Er ist unbeschreiblich. Er ist ein sehr inspirierender, sehr origineller Lehrer. Wahrscheinlich eine Besonderheit, die es nicht noch einmal auf dieser Welt gibt. Seine Bücher sind in 52 verschiedenen Sprachen übersetzt worden und er hat knapp 30 Millionen Bücher verkauft. Er hat eine Stiftung gegründet, die sich um gehandicapte Menschen kümmert, um sie mit Ressourcen zu versorgen, die sie in der normalen, gesellschaftlichen Realität nicht mehr bekommen. Watkins, das ist ein englischsprachiges Magazin, hat ihn mehrfach zum einflussreichsten spirituellen Lehrer weltweit gekürt.

 

Seine Lehre zielt darauf ab, den egobasierten Geist zu transzendieren und die Freude am Sein im gegenwärtigen Moment zu erleben. Ich hoffe, dass Sie heute das erleben werden, weil die Präsenz von Eckhart und seiner Arbeit dazu einlädt.“

 

Applaus. Nun bin ich gespannt und auch nervös. Tolle betritt die Bühne. Er wirkt sehr bodenständig und freundlich. Er verneigt sich, setzt sich und spricht kurz über seine Beziehung zur deutschen Sprache. Seine Stimme ist sehr ruhig und angenehm. Da er seit über einem halben Jahrzehnt nicht mehr im deutschsprachigen Raum lebt, werden wir, obwohl sich seine Kenntnisse momentan noch gut anhören, bald feststellen, dass sie gar nicht mehr so gut sind, meint er.

 

Aber damit können wir leben, denn die Worte sind sowieso von zweitrangiger Bedeutung. Erstrangig ist nämlich das, worauf die Worte hindeuten. Worte sind eine Art Hinweisschilder oder Wegweiser. So wie die Buddhisten sagen: „Man verwechselt den Finger, der zum Mond zeigt mit dem Mond“, zeigen unsere Worte also nur auf etwas hin. Aber auf was? Ja, das wollen wir alle gerne wissen. Das kann man nur selbst in sich erkennen, denn um das zu erklären sind mehr Worte, also mehr Hinweisschilder notwendig und dann kommt man nur von einem Hinweisschild zum Nächsten und niemals zur Essenz. „Solange man versucht, es zu verstehen, ist es noch nicht da.“

 

Frustrierend? Lest weiter.

 

Indem man ein inneres Hindernis erkennt, hat man es schon fast transzendiert

Fast jeder kennt es. Wir spüren eine Blockade, einen Konflikt, eine Irritation – kurz gesagt ein Hindernis - in uns und das fühlt sich im Grunde schlecht an. Aber eigentlich ist es gut, denn die halbe Arbeit ist damit schon getan. Damit ist man schon fast darüber hinausgegangen (siehe Überschrift). Es gibt jedoch sehr viele Menschen, die keine inneren Hindernisse erkennen können. Genau diese werden in einem unbewussten Zustand gehalten. Doch der erwachte Bewusstseinszustand ist latent in jedem Menschen vorhanden, aber meistens vollkommen verdeckt vom Fluss der Gedanken. In dem Moment wo wir aufmerksam sind und wir diese Aufmerksamkeit nicht nur auf die Worte, sondern auf die Stille hinter und vor den Worten richten, das ist der Anfang der Erkenntnis eines anderen – des nächsten – Bewusstseinszustandes. 

 

Tolle spricht die Stille im Raum an, welche mir schon zu Beginn aufgefallen ist. Er meint, dass diese Stille nicht der Fall wäre, wenn hier unbewusste Menschen säßen. Sofort muss ich an andere Veranstaltungen, Lesungen etc. denken, wo normalerweise ein regelrechtes Gewusel herrscht. Menschen, die auf ihr Handy starren, sich betrinken oder Small Talk führen. Alles Ablenkungen. Hier ist es anders, da hat er recht.

 

Was braucht es also? Die innere Stille. Ohne die innere Stille kann man die äußere Stille gar nicht wahrnehmen. Man erkennt dadurch, dass es möglich ist, vollkommen bewusst zu sein. Alle geistigen Lehren deuten auf die Möglichkeit hin, in einem anderen Bewusstseinszustand zu leben. Genau das ist das zentrale Thema der Veränderung des menschlichen Bewusstseins, die nächste Stufe der Evolution, welche noch nicht abgeschlossen ist, so Tolle.

 

Die Stimme im Kopf

Doch wo befinden wir uns momentan? Der „normale“ Bewusstseinszustand des Menschen ist die ständige Identifikation mit dem Strom der Gedanken (=die Stimme im Kopf, die nie abreißt). Die inneren Dialoge, das ständige Kommentieren, Verurteilen und Vergleichen etc. fällt den meisten Menschen oft gar nicht auf.

 

„Ist dir bewusst, dass da eine Stimme in deinem Kopf ist, die nie aufhört zu sprechen?“
„Wovon redest du überhaupt? Welche Stimme meinst du?“
„Das ist sie.“

 

Das geistige Erwachen meint die Befreiung von diesem Zwang, denken zu müssen!
In 80 % der Fälle sind die Gedanken einfach nur unnötig und vor allem auch negativ bzw. destruktiv. Die Art von Gedanken, die der Mensch denkt, wird bedingt durch die Kindheit, Vergangenheit, Umwelt und auch Sprache. Der Mensch, der sich nur durch dieses Gedankenbild identifiziert, bezieht sein Selbstwertgefühl bzw. seine Identität aus seinen Gedanken.

 

Man könnte sagen, dass das Fundament seiner Identität eine Gruppe von Gedanken ist, die sich ständig wiederholen.

 

Der Mensch nennt es: MEIN LEBEN.

 

Dabei weiß er nicht, dass es gar nicht sein Leben ist, sondern lediglich ein Narrativ, nur eine Geschichte, die er sich ständig im Kopf erzählt, basierend auf der eigenen Vergangenheit, aber auch der Zukunft. Denn in der Zukunft hofft der Mensch, dass er sich frei fühlen wird und der Last seiner Probleme entkommt. Viele Menschen werden unglücklich gemacht, durch sich selbst.

 

SPIRITUELLE ÜBUNG (oder Lebenshilfe):

Wenn dich etwas unglücklich macht (du bist irritiert, schlecht gelaunt oder etwas läuft schief), dann frage dich:

„Wie würde ich diese Situation erleben, wenn ich keine gedankliche Geschichte hinzufüge?“

 

Das bedeutet, dass du dieselbe Situation erlebst, aber ohne die Geschichte, die du normalerweise mit erzählst und die dich ins Unglück stürzt. Der Moment ist neutral. Er ist, wie er ist. Das Gefühl des Unglücklichseins kommt nur durch die Identifikation mit den Gedanken, der persönlichen Geschichte.

 

Die Wahrheit ist, dass das Leben nicht da ist, um uns glücklich zu machen, außer für kurze Zeitspannen (aber auch diese dauern nicht an). Die Welt ist aber hier, um uns bewusst zu machen, um uns weiterzuentwickeln. Es geht immer etwas schief, aber das macht das Leben interessant. Sonst gäbe es wie gesagt keine Herausforderung und menschliches Wachstum. Als Beispiel kann man fast jeden Film hernehmen. Nach dem Beginn geht bald mal etwas schief und es geht darum, Lösungen zu finden.

 

Wir sehen die Welt durch einen Schleier unserer Geschichte. Es geschieht automatisch, denn wer zu 100 % mit seinen Gedanken identifiziert ist, lebt unbewusst. Dies wird zu einer Last, die man mit sich herumträgt.

 

Wer „erwacht“ lernt, zwischen der Geschichte einer Situation und der Situation selbst zu unterscheiden (Gefühl der Befreiung, das Leben wird leichter).

 

Die Befreiung der zwanghaften Interpretation ist wichtiger Bestandteil des geistigen Erwachens.

 

Ziel: Selbst-Los zu werden wie Hunde

Wir müssen erkennen, dass das gedankliche Gebäude eine Illusion ist. Wir führen innere Diskussionen bzw. Dialoge mit uns, werten uns ab oder auf, ja, wir führen sozusagen eine Beziehung mit uns selbst! Wir sind Sklaven unserer eigenen Gedanken und können unsere Laune damit sogar minütlich beeinflussen. Tiere hingegen haben kein Selbst, kein Ego. Hunde z.B. sind einfach da. Sie vergleichen sich nicht, schämen sich nicht und haben kein Selbstwertproblem. Das bedeutet nicht, dass wir auf eine animalische Ebene zurückfallen sollen. Im Gegenteil: Wir wollen uns erheben und einen höheren Zugang zu dieser Thematik finden.

 

Ähnlich verhält es sich mit Betäubungsmitteln wie Alkohol oder Drogen. Der Gedankenapparat verlangsamt sich, wir sind befreit von uns selbst. Unsere Probleme scheinen in den Hintergrund gedrängt zu sein. Was für ein wundervoller Zustand. Man ist einfach da, wie der Hund. Genau das ist der bewusste Zustand und den wollen wir im Alltag erreichen, ohne uns zu betäuben.

 

Gab es diese seelische Last immer schon in dem Ausmaß? Nein. Früher waren die Menschen viel tiefer mit dem Sein verwurzelt. Das Dasein wurde erst mehr und mehr problematisch. Die Menschen fühlen sich immer mehr entfremdet (von anderen Menschen und auch von der Natur) oder innerlich zerrissen. Wir sind nicht mehr in uns selbst zuhause. Wir sind in unserer heutigen Welt in unseren gedanklichen Konzepten gefangen.

 

Wir befinden uns in einer kritischen Situation und haben keine Wahl mehr. Wir müssen erwachen, uns finden und ehren (so wie auch die Natur!!). Passend dazu ein Auszug aus Tolles Buch „Die Kraft der Gegenwart“: „Die Verschmutzung des Planeten ist nur die Spiegelung im Außen von einer psychischen Verschmutzung im Inneren, ein Spiegel für die Millionen von unbewussten Menschen, die keine Verantwortung für ihren inneren Raum übernehmen.“

 

Erkenne dich selbst

Diese Aussage ist ein wichtiges Hinweisschild, welches schon die alten Griechen aufgestellt haben. Wer bin ich, wenn ich nicht meine Geschichte bin?

 

Das ganze Bewusstsein wird von konditionierten Gedanken gefangen gehalten und wir sind diesen zum größten Teil vollkommen ausgeliefert. Wenn man nicht bewusst ist, dann PASSIEREN dir die Gedanken, aber du denkst nicht. Man lebt in einer Art Hypnose oder Fantasiewelt.

 

„Hallo?“
„Ja? Oh, tut mir leid. Hast du was gesagt?“
„Ja, wo warst du?“
„In meinen Gedanken“

 

Erst durch das Ja? ist man plötzlich im gegenwärtigen Moment angelangt. Man ist da, man ist aufmerksam. Verweilt man ausschließlich in Gedanken, spürt man die Lebendigkeit der Welt nicht.

 

Was bedeutet nun die Aussage „Erkenne dich selbst“?

Erkenne, dass du bewusst bist!


Versuche, dass die Lücken zwischen den Gedanken größer wird und dass du, so oft wie möglich, im Stadium der Aufmerksamkeit verweilst. Es ist wichtig, eine Balance im Tun zu finden, sich aber nicht im Tun zu verlieren.

 

Zum Schluss erklärt Tolle noch ein theoretisches Konzept, welches den Rahmen hier aber eindeutig sprengen würde.

 

Man hat gemerkt, dass er, wie angekündigt, manchmal um die deutschen Worte gerungen hat, aber dennoch einen sehr guten Wortschatz besitzt. Die Kunst als Lehrer ist es, schwierige Konzepte einfach wiederzugeben, denn natürlich hätte Tolle auch auf einem anderen Niveau vortragen können. Ich finde, das ist ihm gut gelungen. Nichtsdestotrotz musste man eine sehr lange Aufmerksamkeitsspanne haben, denn leichte Kost war es trotz alldem nicht. Der Vortrag dauerte circa 90 Minuten.

 

Deine Babsi