Vielleicht geht’s mir schlecht, weil ich in einer Krise bin?

Krise hört sich immer so dramatisch an. Man glaubt, dafür muss etwas wirklich Heftiges passiert worden sein, wie zum Beispiel die Diagnose einer unheilbaren Krankheit, der Tod eines nahestehenden Menschen oder die Trennung vom Partner, mit dem man sich ein Leben aufgebaut hat. Während sich Krisen grob in zwei Kategorien einordnen lassen und die eben genannten Beispiele unter „traumatische Krise“ fallen würden, gibt es auch harmlosere Lebensumstände, die aber einen nicht minderen Gefühlszustand auslösen können. Man nennt diese „Lebensveränderungskrisen“.

 

Oft schleudert es uns im Leben. Uns geht es schlecht, wir wissen manchmal nicht einmal, warum. Wir leiden im Stillen und fangen an, uns zu isolieren. Was sollen wir denn sagen? Wie sollen wir es beschreiben? Anhand welcher Situation sollen wir uns erklären? Deshalb schweigen wir lieber. Vielleicht hat man gerade mit einer Veränderung im Leben zu kämpfen, die sich eingeschlichen hat. Eine Veränderung, die nicht wie ein Blitz einschlägt, sondern sich langsam aber doch im Leben manifestiert. Typische Beispiele dafür sind: Pubertät, Studium, Verlassen des Elternhauses oder Umzug, Heirat, Geburt eines Kindes, Pensionierung,… Doch im Prinzip zählt alles dazu, was eine Veränderung im Leben auslösen kann.

 

Man merkt, es können auch vermeintlich positive Lebensereignisse eine Krise auslösen und das ist wichtig, zu berücksichtigen. Denn es kann vorkommen, dass man dadurch zusätzlich Schuld- bzw. Schamgefühle empfindet und dieser Emotionscocktail im schlimmsten Fall destruktive Auswirkungen (Aggression, Isolation, emotionale Labilität) mit sich bringen kann. Dem liegt einfach nur pure Überforderung zugrunde. Während sich eine traumatische Krise anfühlt als würde einem buchstäblich der Boden unter den Füßen weggerissen werden und daraufhin verzweifelt nach Halt gesucht wird, ist eine Veränderungskrise von einem sich langsam, einschleichendem Chaos geprägt. Das innerliche Chaos kann dermaßen belastend und verwirrend sein, dass man viel zu schnell, viel zu leicht erschöpft wird. Äußerlich hingegen nimmt die Umwelt einen so wahr wie immer, nur isolierter und apathischer. Das wiederum kann auf Unverständnis stoßen und auch Ärger hervorrufen. Bsp: „Was ist nur mit dir los, früher warst du auch nicht so. Du warst damals viel belastbarer und glücklicher. Ich erkenne dich nicht wieder. Du machst gar nichts mehr.“ Man fühlt sich dadurch unbedeutend und so, als würde man nichts mehr auf die Reihe bekommen. Man fängt an, an sich zu zweifeln und sein Können infrage zu stellen.

 

Der Grund warum man das macht, ist folgender: Die gewohnten Bewältigungsstrategien, die man sich angeeignet hat, wenn man eine schwierige Zeit durchlebt, funktionieren nicht mehr. Man tut und macht xy, weil genau das einem immer geholfen hat, da man wusste, dass es so besser wird. Falsch gedacht. Plötzlich versinkt man weiterhin im Chaos. Verzweifelt klammert man sich an alles, was man finden kann. Das ruft Versagensängste hervor. Man fühlt sich klein. Man fühlt sich, als wäre man am Ende angekommen. Man fühlt alles, aber nicht, dass irgendwo Licht am Ende des Tunnels wartet.

 

Nach Caplan durchläuft man folgende Phasen in einer Lebensveränderungskrise

1. Konfrontation (Problemlöseverhalten bleibt wirkungslos – Spannung kommt auf)
2. Versagen (man fühlt sich als Versager – Selbstwertgefühl sinkt)
3. Mobilisierung (innerer Druck führt zu einer Mobilisierung aller Bewältigungsstrategien)
-> Dies führt entweder zu: Bewältigung der Krise ODER Rückzug und Resignation mit Gefahr der Chronifizierung
4. Vollbild der Krise (wenn Rückzug bzw. Resignation eintritt, kann es zu einer unerträglichen inneren Spannung kommen. Betroffene sind rat- und orientierungslos. Verhalten ist ziellos, ungesteuert oder man ist innerlich „gelähmt“)

 

Wichtig ist, dass man erkennt und sich auch zugesteht, dass man in einer Krise ist. Es gibt viele Menschen, denen das nicht leichtfällt, weil sie sich mit anderen vergleichen. „Ach, so schlimm ist das bei mir ja gar nicht.“ Das ist ein großes Problem, denn der Gedanke, dass Krisen normal sind, die menschliches Wachstum und Fortschritt versprechen, wenn man diese gut bewältigen kann, daran denken die wenigsten. Vor allem dann, wenn das innerliche Chaos dominiert und man sich ziellos und verlassen fühlt. Man weiß nicht, was richtig oder falsch ist. „Wohin mit mir?“, poppt auf. Oft gibt es zu wenig gute Vorbilder, an denen man sich orientieren kann. Fakt ist: Wenn man einen Leidensdruck verspürt, dann ist es so. Es wäre nicht sonderlich förderlich, die Situation herunterspielen oder auf irgendeine Art und Weise zu versuchen, diese zu entkräften. Man sollte den Umstand und die daraus resultierenden Gefühle im ersten Schritt annehmen und akzeptieren. Die Veränderung passiert so oder so. Die Frage ist, wie liebevoll wir uns da selbst durchbegleiten.

 

Deine Babsi